Wie baue ich die Leckerli ab gegen Schmusen und Stimme?

Stimme statt LeckerliHeute möchte ich mal wieder eine Frage beantworten, weil sie mir so häufig gestellt wird, jedenfalls der zweite Teil der Frage mit dem Leckerli abbauen.

Deine Frage

„Ich bin seit Montag stolze Besitzerin einer 10 Monate alten Shih Tzu Hündin namens Lilly.

Seit Dienstag habe ich das Gefühl, dass ich bei Null anfange. „Sitz“ klappt schon ganz gut – solang ich Leckerli habe.

Und da hätte ich auch schon direkt meine erste Frage: Wie lang und wie oft kann ich mit der Süßen täglich trainieren? Und wie baue ich die Leckerli-Belohnung am besten ab gegen ausgiebiges Loben durch Schmusen & Stimme?“

Meine Antwort

Wie lange täglich trainieren?

Ein Hund, der seit 3 Tagen bei dir ist, muss dich noch kennen lernen, sich an die neue Umgebung gewöhnen und erst mal ankommen. Da ist es eigentlich egal, ob der 10 Monate, 10 Wochen oder 3 Jahre ist.

Andererseits lernt er sowieso, wenn er wach ist. Ich würde also einfach erst mal schauen, was der Hund so kann und was er nicht kann. Wo ist er unsicher? Was macht ihm Spaß? Schafft er es, zu Ruhe zu kommen? Welche Leckerli mag er? Was mag er sonst noch? Was mag er nicht?

Ist er an Geschirr und Halsband gewöhnt? Kann man ihm das stressfrei an- und ausziehen? Läuft er vernünftig an der Leine?

Wie verhält er sich draußen? Orientiert er sich schon an dir oder interessiert ihn nicht, wer da hinten an der Leine ist?

Und abhängig davon, wie die Antwort auf diese Fragen ausfällt, empfehle ich dir, genau das zu üben, was er noch nicht kann, was dir aber wichtig ist. Und das würde ich dann üben, wenn es im Alltag sowieso auftritt. Ich unterscheide ungern zwischen Training und „jetzt trainiere ich nicht!“. Der Hund hat ja keinen Knopf zum Abschalten. Er lernt immer.

Du kannst ja nicht sagen: „Alles, was jetzt passiert, gilt nicht!“, weil du gerade kein Training machen möchtest. Sagen kannst du es natürlich schon. Aber wenn dein Hund in dem Moment etwas tut, was du total doof findest und das belohnst du auch noch versehentlich, wird er das trotzdem weiter tun, auch, wenn in deinen Augen gerade kein Training war.

Umgekehrt wird er ganz tolle Sachen nicht mehr machen, wenn du sie nicht belohnt hast, weil ja gerade keine Trainingszeit war.

Hunde lernen immer! Nicht nur, wenn du gerade trainierst. Klick um zu Tweeten

Wenn es darum geht, gezielt etwas Neues beizubringen, z.B. den Kopf freiwillig ins Geschirr zu stecken, würde ich anfangs nur ein paar Wiederholungen machen. Eine Minute üben reicht völlig aus. Einfach immer mal zwischendurch ein paar Wiederholungen machen. Da kommt im Laufe des Tages auch etwas zusammen. Du kannst viele Dinge einfach unterwegs einbauen.

Auf jeden Fall solltest du lieber 10 x 1 Minute trainieren als 1 x 10 Minuten. Gerade mit einem Welpen oder einem Hund, der das noch gar nicht kennt, ist weniger mehr.

Übe lieber 10 x 1 Minute täglich mit deinem Hund als 1 x 10 Minuten. Klick um zu Tweeten

Wie lange trainierenWie baue ich die Leckerli-Belohnung am besten ab?

Da stelle ich immer gerne die Gegenfrage: „Warum willst du das tun?“

Besonders, wenn die Frage bei einem Hund kommt, der seit 3 Tagen bei seinem neuen Besitzer ist und noch alles lernen muss. Denn Fressen muss er ja sowieso. Dann kann man das Futter doch auch sinnvoll nutzen. Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen.

Damit es klarer wird, möchte ich ein kleines Gedankenspiel mit dir machen:

Nehmen wir an, du fängst gerade mit joggen an. Eigentlich hast du nicht so richtig Lust drauf und Spaß macht dir das auch nicht wirklich. Aber deine Freundin macht das gerne und hat dir gesagt, dass das gesund ist. Du siehst das zwar noch nicht so recht ein, aber sie verspricht dir, dass du 50 € bekommst, wenn du die 30 Minuten gemeinsames langsames Joggen schaffst.

Okay, das ist ein Argument und du joggst und schaffst die 30 Minuten, wenn auch mit vielen Gehpausen dazwischen. Spaß gemacht hat es nicht und du könntest auch gut drauf verzichten, aber wenigstens hast du dir 50 € verdient. Als deine Freundin dich 3 Tage später fragt, ob du wieder mit joggst, fragst du, ob es dann wieder 50 € gibt. Klar, sagt sie und du joggst mit. Dieses Mal geht es schon etwas besser. Aber dein neuen Lieblingshobby ist es nicht wirklich.

2 Tage später ruft deine Freundin an und fragt, ob du wieder mit joggst. Du denkst dir: 50 € kann ich gut gebrauchen und los geht’s. Nach eurer Runde sagt deine Freundin: „Wow, das hast du ja toll gemacht!“ Und klopft dir zur Belohnung auf die Schulter. Nix mit 50 €.

Als sie nach 3 Tagen wieder anruft und fragt, ob du mit joggen gehst, lautet deine Antwort: „Nur, wenn ich 50 € kriege!“ Deine Freundin meint, sie gibt dir 50 € aus dem Monopoly-Spiel, das ist doch genauso gut. Würdest du mit joggen gehen? – Natürlich nicht.

Was bedeutet das für das Hundetraining?

Bedeutet das, dass du dem Hund jetzt lebenslänglich für jedes „sitz“ ein Leckerli geben musst? Das kannst du tun, es schadet nicht. Aber die gute Nachricht ist: Das musst du gar nicht. Wenn du jetzt am Anfang, wo der Hund es lernt, sehr gut belohnst, werden die Verhalten selbst mit der Zeit schon belohnend. Der Hund macht sie gerne.

Wenn deine Freundin dir 8 Wochen lang 50 € gegeben hätte – oder, noch geschickter, 100 €, wenn du besonders schnell warst, aber nur 10 €, wenn du getrödelt hast – und das Joggen für dich schon zur Gewohnheit geworden ist, wird es mit der Zeit selbstbelohnend. Dir fehlt etwas, wenn du nicht dazu kommst. Du denkst gar nicht mehr drüber nach, ob du joggen möchtest oder nicht.

So ähnlich wird es auch beim Hund. Wenn er „sitz“ – oder jedes beliebige andere Verhalten – mit ganz viel toller Belohnung gelernt hat, macht er das gerne. Er denkt nicht mehr darüber nach. Er macht es einfach. Bestimmt hast du schon Hunde gesehen, die laufen ganz selbstverständlich an lockerer Leine. Entspannt und freudig – ohne, dass ihr Mensch sie belohnt. Das sind Hunde, die beim Erlernen der Leinenführigkeit bei jedem Schritt belohnt wurden. Dafür braucht es aber viele Wiederholungen.

Und beim Hund kommt noch eins hinzu. Er verallgemeinert nicht so gut. Wenn er „sitz“ in der Küche kann, bedeutet das nicht, dass er es auch im Flur macht. Und schon gar nicht unter Ablenkung auf der Straße. Das musst du wirklich üben. Leckerli sind als Belohnung extrem gut geeignet, denn

  1. Fressen muss der Hund sowieso! Da kann man das Futter auch sinnvoll einsetzen.
  2. Futter ist gleich im Hund verschwunden. Dadurch kannst du in kurzer Zeit oft üben und das Lernen geht schneller.
  3. Futter kann man leicht dabei haben. Des gibt tolle Futterbeutel, wo man sogar das Handy unterbringt.
  4. Futter gibt es in ganz vielen Varianten, sodass für jeden etwas dabei ist.

Wann kann man die Leckerli abbauen?

Stimme/Streicheln statt LeckerliDas sagt dir dein Hund! Mein Ziel ist es nicht, die Leckerli komplett abzubauen. Ich belohne meine Hunde gerne und viel. Und Dinge, von denen ich möchte, dass meine Hunde sie zuverlässig, gerne und prompt zeigen, belohne ich immer. Lebenslänglich! Allerdings nur, wenn sie auch meinen Vorstellungen entsprachen.

Wenn ich meine Hunde rufe, und sie kommen sofort angerast, bekommen sie etwas. Immer! Sehr zuverlässig. Meine Hunde kommen ziemlich gut und ich freue mich immer sehr darüber. Aber ich belohne nicht jedes Sitz. Das ist eine einfache Übung. Machen sie allerdings in einer sehr aufregenden Situation „sitz“, belohne ich das auch. Meine älteste Hündin ist jetzt 14 Jahre und seit 9 Jahren bei mir. Auch die wird regelmässig belohnt.

Wenn du mit Leckerli abbauen meinst, dass du mit dem Futter vor der Hundenase herumwedelst, damit er etwas tut, sieht es anders aus. Dann spricht man von Locken, denn es ist VOR dem Verhalten. Belohnung kommt immer hinterher.

Das baust du am besten sehr schnell ab. Meist reicht es, 5 – 10 Mal mit einem Leckerli in der Hand zu locken und dann nur noch so zu tun, als wäre da ein Leckerli. Aber du belohnst natürlich trotzdem sofort, wenn der Hund es macht. Also ist der Ablauf nach den ersten 5 – 10 Mal: Lockbewegung ohne Leckerli in der Hand, Hund setzt sich, Belohnung kommt sofort. Und wenn du noch darauf achtest, dass du das Futter im Sitzen gibst, lernt der Hund auch nicht, dass er gleich wieder aufspringen muss. 😉

Extratipp: Wie genau du Sitz, Platz, auf die Decke, lockere Leine, Geschirr anziehen, Fellpflege und alles, was man sonst noch für den Alltag braucht, mit dem Hund üben kann, habe ich für dich in einen Fahrplan gepackt. Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Herunterladen, Videos, auf denen ich genau zeige, wie es geht und meine persönliche Unterstützung sorgen dafür, dass dein Hund zum alltagstauglichen Familienhund wird und ein angenehmer Begleiter ist.

Funktioniert Stimme und Schmusen statt Leckerli?

Die Frage, wann du Leckerli durch Loben mit Stimme und/oder Schmusen ersetzen kannst, müsste eigentlich anders gestellt werden. Kann man Futter durch Stimme und/oder Streicheln ersetzen?

Die Antwort lautet: Es kann sein, dass dein Hund es toll findet, wenn du ihn streichelst. Dann kannst du das direkt einsetzen. Es kann sein, dein Hund mag es nicht angefasst zu werden. Auch dann kannst du das möglicherweise irgendwann mal als Belohnung einsetzen. Das würde aber voraussetzen, dass du ganz lange übst, damit das Anfassen positiv verknüpft wird. Meine 14jährige Jule findet Nähe und Anfassen nicht toll. Fand sie noch nie toll und ich finde das nicht schlimm. Wäre mir wichtig gewesen, mit ihr zu schmusen, hätte ich das mit ihr geübt. So habe ich nur geübt, dass ich sie kämmen und bürsten kann, aber sie würde niemals mit mir schmusen.

Das Gleiche gilt im Prinzip für die Stimme. Für manche Hunde ist es tatsächlich das Höchste, wenn ihr Mensch sie in hohen Tönen lobt. Andere Hunde interessiert das nicht die Bohne, ob du etwas sagst oder nicht. Was eine Belohnung ist, entscheidet der Hund. Und du merkst es daran, dass er etwas häufiger tut. Das macht er nämlich nur, wenn es sich aus seiner Sicht lohnt.

Ich hoffe, dass bringt ein bisschen Licht ins Belohnungsdunkel und du kennst jetzt auch den Unterschied zwischen Locken und Belohnen.

Claudia

P.S.: Schau dir am besten meinen Fahrplan für einen angenehmen Familienhund an!

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